Restaurant Vascello Fantasma, Laigueglia

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Restaurant Vascello Fantasma, Laigueglia

Dies ist nun eigentlich die Mutter aller Restaurants, die mich auf den kulinarischen Weg des Ausprobierens und Lernens von den Geheimnissen der Besitzer vor Ort gebracht haben. Nini und Angelo, die beiden rührenden Inhaber, haben auch weit grössere, ja echte Köche inspiriert, lange bevor Alain Ducasse die mediterrane Küche salon- und sternefähig gemacht hat. Dass dieses grandiose Erbe (derzeit) nicht weitergeführt wird, ist eine grosse Träne in meinem Knopfloch und ein dunkler Fleck in unserem Lieblingsferienziel Laigueglia. Doch der Reihe nach.

Das „Vascello Fantasma“ war eine Empfehlung in dem letzte Woche erwähnten Beitrag von Eva Gesine Bauer im „essen und trinken“ über Ligurien. Da wir aufgrund der – ebenfalls erwähnten – falschen Hotelwahl (für eine Woche!) nur schlecht schlafen konnten, freuten wir uns dann „wenigstens“ auf gutes Essen, und kehrten beinahe täglich im „Vascello Fantasma“ ein, auch wenn es mit Abstand das teuerste Restaurant am Platz war.

Geboten wurde aber wirklich Grossartiges, vor allem natürlich der frischeste Fisch (und Meeresfrüchte), aber auch einfache ligurische Küche. Neben der wunderschönen Lokalität mit seiner grossen Terrasse zum Meer waren aber das Herz ganz klar das Ehepaar Nini und Angelo. Nini sorgte mit ihrer Grandezza und dem einzigartigen Kochwissen für die Qualität und die persönliche Wärme bei der Beratung. Sie eröffnete stets mit: „Signori, auf was habt Ihr heute Lust?“, und meinte das nicht als Floskel, um uns zum teuersten Tagesangebot zu verleiten, sondern wollte wirklich wissen, auf was wir Appetit hatten.

Im Anschluss übernahm ihr Mann Angelo dann die Weinberatung und die eigentliche Konversation mit seinem schier unerschöpflichen Wissen über Produzenten, Ausflugsziele oder auch Restaurants. Wenn er zu sehr ins Plaudern geriet, vor allem auch über sein Hobby, die Malerei, rief Nini ihn mit einem strengen „Angelo“ zu sich.

Wir haben wirklich unzählige Male hervorragend im „Vascello Fantasma“ gegessen, das beste schwarze Risotto mit frischer Pulpo-Tinte, Dorade ligurische Art (mit den rund um Albenga heimischen „Trombette“, länglichen Zucchini, im Geschmack grünem Spargel nicht unähnlich) und natürlich Branzino in der Salzkruste mit einer Grappa-Folienkartoffel. Auch wie man Salatdressing korrekt zubereitet, habe ich mir hier abgeschaut: Erst das Salz im Essig auflösen mit einer Gabel, dann das Öl zugeben, damit die Mischung bindet, zum Schluss Pfeffer. Ein absolut unvergessliches Erlebnis war gleich bei unserer ersten Reise das Abend-Menü anlässlich der „ferragosto“, eine Schlemmerei über 10 Gänge von gefüllten Gemüsen aus dem Ofen über „Moscardini in umido“ bis zum Filet mit Steinpilzen. Das wunderschön handgeschriebene Menü haben wir aufgehoben, ich füge es in diesen Beitrag ein.

Wie ich eingangs andeutete, waren nicht nur wir Fan von Ninis Kochkünsten (die sie natürlich nur noch an den festangestellten hauptberuflichen Chef de cuisine weitergab) und Angelos unglaublichen Wissen, auch der deutsche Genusspionier Adalbert Schmidt war – lange vor uns – Stammgast in Laigueglia und mit Nini und Angelo eng befreundet. Er veröffentlichte ein eigenes Koch- und Reisebuch, das wir natürlich gekauft haben. Den auf dem Titel abgebildeten Holzmörser präsentierte uns Angelo einmal voller Stolz. Schmidt schreibt, die Idee zu seinem Hotel-Restaurant Schweizer Stuben sei in Ligurien geboren worden bei Nini und Angelo. Wie mein Leitsatz schon sagt: „Reisen bildet nicht nur, es inspiriert besonders zum Kochen“.

Doch Mitte der 2000er Jahre wurde immer deutlicher, dass der ligurische „fliegende Holländer“ tatsächlich das Schicksal seines Namenspatrons wohl eines Tages teilen würde. Oft waren wir Mittags schon die einzigen Gäste, Angelo raunte uns zu, er habe bereits einen Kiosk im Nachbarort Alassio verkaufen müssen, um das Restaurant zu halten, Nini wolle aber nicht aufgeben, die Rolle der Gastgeberin sei ihr Leben.

Angelo schimpfte auf die Mailänder Wochenendgäste, die sich zwar Millionenappartments leisteten, dann aber nur eine Pizza oder Farinata vom Stand kaufen würden. Mir war selbst nicht erklärlich, dass rund 500 Meter weiter in Alassio mehrere hochpreisige Restaurants (anscheinend) gut über die Runden kamen, während tatsächlich das Angebot in Laigueglia sich zunehmend nivellierend – wenn auch auf untadeligem Niveau rund um Pizza und Pasta – anglich.

2006 kam es dann zur Katastrophe: Das „Vascello Fantasma“ war verpachtet, der vordere Teil in eine Bar umfunktioniert, in der Nini und Angelo sich gegen das Unvermeidliche stemmten, ein trauriger Anblick. Dazu gab es bereits Streit, die Pächter waren auch wirklich schlechte Gastgeber. 2007 hat wohl ein letztes Aufflackern stattgefunden, wie ich einem Gastrotipp im Internet entnehmen konnte, dann schloss das Restaurant. Noch immer sieht man heute durch die stumpfen Fenster, zum Teil bereits auch eingeschlagen, Mobiliar, sogar angebrochene Grappaflaschen, es tobt wohl ein Rechtsstreit.

Daher bleibt uns nur die Erinnerung an die zwei herzlichsten Gastgeber, die wir auf unseren zahlreichen Reisen kennenlernen durften, und die Hoffnung, dass der fliegende Holländer einst wieder Wind in die Segel bekommt. Bis dahin empfehle ich, Schmidts Kochbuch zu erwerben, z.B. bei Amazon noch erhältlich (in sehr unterschiedlichen Preisniveaus), und das ligurische Erbe von Nini und Angelo in die eigene Küche zu zaubern. „Ti saluto Liguria, valete Nini e Angelo“.

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