Venedig, Bacari-Kultur

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Venedig, Bacari Kultur

Schon lange war es Feindeiners‘ Traum, einmal wieder Venedig zu besuchen, wo er zuletzt als etwa siebenjähriger Junge war, der sich noch lange an den kleinen bunten Figuren aus Murano-Glas – über seinem Bett platziert – freute, die er hier geschenkt bekommen hatte. Und am besten ohne Kinder, um einerseits einen echten zweiten Honeymoon mit der Frau zelebrieren zu können und andererseits den „wichtigsten“ kulturellen Höhepunkt Venedigs ausgiebig geniessen zu können: Die Ombra, „den Schatten“ und die zugehörigen Häppchen in den „Bacari“, den Weinbars.

Leitfaden für den Kurztripp wurde daher das wirklich wunderbare Reise-und Kochbuch „Weinbars in Venedig“ von Cornelia Schinharl und Beat Koelliker. Es bietet neben grossartigen Rezepten eben eine Vielzahl von Ombra-Lokalen und die zugehörigen Geschichten ihrer Besitzer. Auch Tipps zu Sehenswürdigkeiten bzw. Spaziergänge fehlen nicht. Mit diesem Reiseführer gelingt es Ihnen mühelos, Venedig abseits der (grössten) Touristenströme kennenzulernen.

Gutes Beispiel dafür war gleich der erste bacaro, den wir besuchten. Die Osterira „Da Carla“. Direkt hinter der grossen Piazza San Marco in einem Innenhof versteckt und ohne mehrmaliges Nachfragen nicht auffindbar (was allerdings auch daran liegt, dass die Stadtteilpläne zwar hübsch gezeichnet, aber auch etwas unpräzise sind). Der einzige Tisch vor dem Lokal war frei, und exakt als wir Platz nahmen, verliessen drei Gondoleri fröhlich lachend das Lokal. Könnte ein Venedig-Besuch besser starten? Auch die Häppchen waren hervorragend. Tintenfisch-Salat auf schwarzer Polenta, ofengetrocknetes Gemüse und so weiter. Neben Prosecco offerieren alle Weinbars mittlerweile eine stattliche Auswahl an sehr guten Flaschenweinen glasweise. Die klassische „Ombra“ ist ja eigentlich ein Wein direkt aus einem grossen Behälter, der in einem speziellen dickwandigen (groben) Glas serviert wird.

Die älteste Weinbar „Do Mori“ kredenzt noch eine grosse Vielzahl dieser Weine in urigen Korbflaschen und mittels „Schlauchhahn“, die Qualität hat aber – laut Reiseführer – gerade dort etwas nachgelassen. Ich kann das nicht beurteilen, wir sind nur durchgegangen. Rundherum im Marktviertel war allerdings deutlich mehr los. So zum Beispiel im „All‘ Arco“, das so herzlich von Vater, Mutter und Sohn betrieben wird. Als Spezialität war für den Samstag (Markttag!) empfohlen, nach rohem Fisch zu fragen, er wurde nur mit Olivenöl, zum Teil etwas Sesam auf Salat serviert und war sensationell cremig. Die Weinauswahl ebenfalls fein. Direkt nebenan gleicht das „Do Spade“ mehr einer umgestalteten Wohnung. Hinten kann man ein richtiges Menü zu sich nehmen, im vorderen Bereich stehen ein grosser Holztisch und einige Barhocker, es spielt Jazzmusik.

Den Höhepunkt erlebten wir aber im „Bancogiro“ gleich am Eingang des Marktareals. Und das ist nun wirklich das typischste Beispiel für die Qualität dieses Reise- und Kochbuches: Während hundert Meter weiter sich die Heerscharen von Touristen auf der Rialto Brücke entlangschieben und Sie von zum Teil sehr aufdringlichen „Animateuren“ in deren überteuerte Restaurants quasi hingezogen werden, treffen Sie hier fast nur noch auf Venezianer bei ebenso traumhaften Blick auf den Canale Grande bei ambitionierter Küche! Auf der anderen Seite des Lokals geniessen Sie das Flair der Markthallen und junges Publikum, das seinen Ausgang zelebriert. So durften wir Zeuge einer weiblichen Junggesellenabschiedsrunde werden, die Braut mit einem Blumenstrauss geschmückt, bestehend aus einer Karotte und zwei Zwiebeln „in Form“ gebracht zu einem – na das können Sie sich denken. Uns schmeckte der im Glas servierte (!) Brunello gleich noch einmal besser.

Es gäbe noch so viele Highlights aus dem Buch detailliert zu referieren, das „La Cantina“ an der Strada Nuova, das neben den obligatorischen Weinen ein unglaublich gutes selbtgebrautes Bier serviert, die „Osteria al Ponte“ direkt am Kanal, früher quasi Hafenkneipe, und mit Blick auf den Campo Santi Giovanni e Paolo. Das „Al Portego“, nach dem wir über eine halbe Stunde gesucht hatten und das dann nicht nur mit dem besten „Sarde in Saor“ aufwartete, sondern auch himmlischer Polenta mit Gorgonzola und Steinpilzen und dazu wunderbare Weissweine aus dem Alto Adige. Die Fenster des umliegenden Innenhofes wurden zum Teil mit Autoreifen gegen den Durchzug offengehalten, ein ungwohnter Anblick. Die „Enoiteca Mascareta“, gegenüber einem Buchantiquariat gelegen, das meterhoch auch Fundstücke aus Überschwemmungsrettungen anbot, hier (in der Enoiteca) wurden abends wirklich hervorragende Gänge serviert, wie zum Beispiel Fisch und Muscheln in Pergament.

Den ausführlichen Abschluss soll aber das „Alsquero“ bilden, welches mit malerischem Blick direkt aus den grossen Fenstern auf eine der letzten Gondelwerften aufwartet. Wir hatten begonnen, uns das Buch mittels Unterschrift „quittieren“ zu lassen als nette Erinnerung und kamen so auch hier mit dem Inhaber ins Gespräch. Ein Universitätsprofessor, der sich mit diesem bacaro seinen Traum von der Freiheit und der Weinpassion erfüllt hat. Er servierte uns unter anderem herrliche Rosmarinkekse, die er als Einziger in Venedig von einer kleinen Bäckerei auf den vorgelagerten Inseln bezieht. Mitten im Geniessen schreckten wir auf einmal durch riesiges Tröten auf. Wir liefen nach draussen und trauten unseren Augen nicht: Dort schob sich wirklich nur Meter von den Eingängen zu den Kanälen entfernt eines der gefürchteten und nicht nur von Donna Leon in mehreren Kolumnen immer wieder verfluchten Riesenkreuzfahrtschiffe an der Lagune vorbei. Es war gegenüber den Häusern fast absurd gross, die Angst und Wut der Venezianer auf diese Monster konnten wir sofort bildlich verstehen. Am nächsten Tag überströmte eine Unmenge von Tagestouristen die wichtigsten Hotspots bei leichtem „aqua alta“. Wie gut, dass wir noch ein paar Weinbartipps im Ghetto in petto hatten (Wortspiel!),  unter anderem das „Do Colonna“. Dort servierte man unter anderem herrliche Auberginenröllchen. Ach ja, in weinseliger Laune nach einem „Giro di Ombra“ musste ich auch wieder eine Muranoglas-Figur kaufen, diesmal für die Küche. Aufgefrischte Kindheitserinnerungen sind doch immer wieder schön.

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