New England, Connecticut, Gillette Castle

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New England, Connecticut

Schon lange war das grosse Abenteuer geplant gewesen: Mit den Kindern erst nach New York, wo unter anderem eine alte Freundin von Kurius Feindeiner lebt, mit der wir sogar das „Millenium“ zelebriert haben. Fast „Woody-Allen-haft“, obwohl die meisten Teilnehmer ihn und seine Filme nicht mochten, doch das ist eine andere Geschichte. Also, nach dem Aufenthalt in New York sollte und wollte ein weiterer Freund besucht werden, der in New England lebt, genauer gesagt in Connecticut. In einem Haus, in dem es angeblich spukt und das einen Friedhof aus den Zeiten des Unabhängigkeits-Krieges auf seinem Grundstück hat (mit Grabsteinen), der regelmässig von Veteranen besucht wird. Oh, wir waren zur Helloween Zeit dort – könnte das ein interessanter Beitrag werden!?

Ich muss noch etwas ausholen: Dieser Freund ist ein absoluter Bierenthusiast, so wie ich, wir haben uns in München kennengelernt beim Essen in der wunderbaren Schlossschänke von Nymphenburg, damals als es zu den Topspargellokalen gehörte… Es ergab ein Wort das andere und der Abend verlief dann weiter mit „Unionsbräu“, „Dreigroschenkeller“ und ich weiss es nicht mehr. Es gab damals noch nicht so viele „Microbreweries“, wie das heute (im Englischen) heisst, aber wir haben alle besucht.

Zurück zum Plot: Es entwickelte sich eine enge Freundschaft, ich besuchte mit ihm weitere Bierwallfahrtsorte in Deutschland, in Bamberg verbrachte er einmal einen „bunten“ Abend mit neuen fränkischen Bekannten, während mich eine Spontangrippe an das Bett im „Zwärgla“ fesselte. Rührend erkundigte er sich um 2 Uhr nachts, wie es mir gehe. Ich schweife schon wieder etwas ab. So war klar, dass wir bei unserem USA Abenteuer auch meinen guten Freund für ein paar Tage ansteuern würden, da die Einladung hiess „my house will be yours“ –  inklusive „Knochenmänner“ und spukender Geister, fragte sich nur meine Frau.

Jener Freund ist aber nicht nur Bierliebhaber, er baut auch ein eigenes Flugzeug (auf seinem Grundstück) und hat sich der Geschichte der königlich (!) bayerischen Luftwaffe verschrieben. So ertönt bayerische Marschmusik, wenn man seinen Bauschuppen betritt, daneben sammelt er Bierkrüge aller Art. Und er liebt das Kochen. So hatten wir eine fantastische Zeit, grossartige „Bonfire“ und nicht nur einmal BBQ der Extraklasse.

Nun zu New England, Connecticut, der eigentlichen Headline dieses Blogbeitrages. Was einen als Europäer, der seinen „engen Kontinent“ mehr oder weniger gut kennt, immer wieder umhaut, sind diese unglaublichen Dimensionen in Amerika. In jeder Beziehung. Natürlich in den klischeehaften Supermärkten – wobei mir manche Carrefour in Frankreich mittlerweile vergleichbare Grössen anzunehmen scheinen, zu Lasten der französischen Kultur, doch das ist schon wieder eine andere Geschichte -, bei den Autos, den sechsspurigen Highways. Aber eben vor allem und besonders in der Natur.

Ich möchte das am Beispiel von Gillette Castle deutlich machen. Das war zum einen ein sehr lohnendes Ausflugsziel „around the corner“ meines Freundes, also nur 45 Minuten Autofahrt entfernt. William Gillette war der erste prominente Sherlock Holmes Darsteller, der unter anderm die heute noch „gültigen“ Insignen der langen, unten breiten Pfeife und des speziellen Hutes einführte. Zusammen mit A. Doyle schrieb er auch ein Holmes Bühnenstück, in dem erstmals der Satz „Elementar, Watson“ vorkam. Er verdiente entsprechend und erfüllte sich im Gillette Castle seinen ganz speziellen Traum einer Schauspielervilla. Mit eigenem Park, einer Eisenbahn, um seine Gäste herumzufahren, aber auch jeder Menge skuriler Ideeen, wie zum Beispiel Spiegeln, die ihm zeigten, wer Einlass begehrte bzw. im Wohnzimmer wartete für den „theatralischen Auftritt“ (oder eben nicht), selbstdesignte Türschlösser und Lichtschalter. Der Reiseführer schreibt, „jeder verlässt diese Haus mit einem Lächeln“. Das stimmt.

Uns wäre das Lächeln aber fast vergangen, denn es regnete den ganzen Tag in Strömen. So konnten wir von Gillettes Terasse auch nur einen kurzen Blick seines unglaublichen Panoramas geniessen: Den riesigen Connecticut River zum Beispiel, der sich träge dort entlangwälzt, man glaubt es nicht. Dagegen sind Rhein und Donau wirklich gefühlt Bächlein. Welche Urgewalt hier herrscht, durften wir dann am Nachmittag erfahren. Nachdem wir einen grossartigen Lunch mit Schwein und selbstgebrauten IPA in der River Tavern in Chester in der Nähe des Gillette Castle genossen hatten, wurde der Regen zunehmend heftiger. Auf einmal floss von überall her „braune Sosse“ auf die Strassen, man konnte kaum etwas mehr sehen. Ganze Bäche, vormals Zufahrtsstrassen, gingen ab, meine Frau fand es grusliger als jedes Spuken im Haus, und ich hatte auch kaum mehr „Freude am Fahren“, trotz des grossen (grossen!) Ford Taurus. Ich schwöre, ich habe noch nie soviel Wasser gesehen, das sich überall und überallhin ergoss. Wie die Strassen das absorbiert haben, ist mir ein Rätsel.

Nach überstandener Krise genossen wir einen Abend bei – nun wieder – durchflutetendem Sonnenuntergang, Lagerfeuer, mehreren „Eurotrash Pils“ und Woodford Reserve (den hatte ich organisiert). Ja, und in der Dunkelheit haben wir dann auch den Friedhof besucht: Auf einmal leuchteten ein Schädel und Geisterhände auf, die Kinder waren begeistert: Natürlich ein Gimmick aus einem der unzähligen Helloween Stores der umliegenden Nachbarschaft (Fahrzeit +- 40 Minuten), der nun bei uns jedes Jahr zu Helloween die Kinder der Nachbarschaft fröhlich erschreckt.

Der Hausgeist, welcher meinen Freund mit einem von den Treppenstufen herabkullernden Ring und klappernden Küchentüren zu – wie er wörtlich sagte – „einem ernsthaften Gespräch“ mit diesem lästigen Hausbewohner vor Jahren animiert hatte, blieb uns erspart. Doch das ist wieder eine andere Geschichte, ebenso wie der grossartige Mystic Seaport und die – gottseidank vergangene – Tradition des Ölmachens aus Walen.

P.S. Ich lese derzeit den Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ und habe mich zuletzt so gut bei Lawrence Sternes „Tristram Shandy“ amüsiert, möglicherweise hat dies meinen aktuellen Blogbeitrag etwas beeinflusst. Dennoch ist hier nichts „gut erfunden“, wie die Fotos belegen.

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