Dijon – Weit mehr als nur Senf

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Dijon – Weit mehr als nur Senf

Unsere (Noch)-Heimatstadt liegt ja verkehrstechnisch sehr günstig, die Zuganbindungen gerade nach Frankreich sind attraktiv und vielfältig. Nicht nur das Elsass ist in rund zwei Stunden zu erreichen, sondern auch nach Paris braucht es kaum mehr als vier. Ja, und das Burgund eben sollte doch nun wirklich auch ein lohnendes Ziel für alle „Finediner“ und Trinker dieser Welt darstellen!?

Dijon bedeutete dabei für uns aber ein Fragezeichen. Freund P aus Paris lobte die dortigen Markthallen und die hübsche Altstadt, Freund T aus dem Weingeschäft meines Vertrauens die grossartigen regionalen Produkte – und eben nicht nur den Senf. Zusammengefasst lässt sich vorwegschicken, dass beide Recht hatten, aber wirklich atemberaubend ist die Restaurantkultur der Verwaltungshauptstadt des Burgunds.

Dijon und das bis Ende des 17. Jahrhundert unabhängige Burgund hat eine stolze Tradition und – wie der Reiseführer schreibt – gerade im 20. Jahrhundert Bürgermeister mit strategischem Weitblick genossen, die einerseits das kulturelle Erbe bewahrten und andererseits früh den Autoverkehr aus der Altstadt verbannten. So lässt sich Dijon hervorragend erlaufen. Wen die Füsse drücken, steigt auf die Tram um oder nimmt die kostenlosen (!) kleinen Stadtbusse. Einer dieser grossen Stadtpadrone ist übrigens prominent verewigt: Félix Kir, nach dem nicht nur der Aperitiv aus Cassis und Weisswein bzw. als „royal“ mit Champagner benannt ist, sondern auch der See vor den Stadttoren.

Die Innenstadt bietet eine hübsche Mischung aus gewachsenen Strassenzügen, bei denen vor allem die Bürgerhäuser („hotels particuliers“) besondere Beachtung verdienen -, einen prächtigen Fürstenpalast und mehrere imposante Kirchen. Besonders hervor sticht „Notre Dame“, bei der die gesamte Westfassade mit „Chimären“, also teuflischen Wesen verziert ist. Direkt daneben befindet sich auch einer der touristischen Anziehungspunkte, der komischerweise in unserem Reiseführer (Abzug in der B-Note für Dumont) gar nicht erwähnt war: Auf den Steinfliessen in der gesamten Altstadt sieht man kleine Eulen in Bronze eingelassen mit Pfeilen, die in eine Richtung zeigen. Wir sind ihnen nachgegangen, ohne zu wissen, wohin uns das führen würde, konnten aber das Ziel nicht finden. Bis uns ein freundlicher Einheimischer das Geheimnis löste: Eine kleine Eule, an der Seitenfassade von Notre Dame. Wer sie streichelt, hat angeblich Glück, die kleine Figur daneben bringt dann noch das Geld dazu (man muss sich etwas am Zaun hochhangeln, um sie zu erreichen). Der nette Herr machte mich auch auf den besten Winkel für ein Foto der Fratzen an der Westfassade aufmerksam. Soviel Freundlichkeit Fremden gegenüber wäre in Paris eher selten anzutreffen, hier hat sie seit Jahrhunderten Kultur.

Damit zum Höhepunkt unseres Besuchs: Essen und Trinken. Und natürlich steht hier als erstes ein Besuch des Stammhauses von „Maille“ an, es ist nicht nur ein entzückendes Geschäft, sondern bietet auch wöchentlich mindestens drei offene Senfsorten an, z.B. mit altem Weissein oder auch Trüffel, welche dann in kleine Steinkrüge gezapft werden. Ein Muss unter den Mitbringseln und geschmacklich noch mal eine ganz andere Kategorie.

An zweiter Stelle steht der „Epoisses“, der König unter den Käsen, wie er auch genannt wird, also ein gut „stinkiger“ Kuhkäse, der in Marc de Bourgogne gewendet wird und dann vier Wochen auf Stroh reift. Dazu rilettes, pain d’epices – also ein Gewürzbrot, das eher an Lebkuchen erinnert – und einen Kir Royal. Fertig ist das Abendessen auf dem Hotelzimmer, wie wir es genossen haben, als die Kinder zu müde waren für einen Restaurantbesuch – und das Wetter wieder saukalt und regnerisch.

Doch die Restaurants dürfen Sie natürlich auf keinen Fall verpassen und hier nehme ich nur zwei für eine ganze Zahl an grossartigen Adressen heraus. Zunächst das „Au Maison des Cariatides“, also in einem der erwähnten hotels particuliers angesiedelt. Es besticht durch geschmackvoll moderne Einrichtung, unbehauene Steinmauern, grobe Tische und eine offene Küche. Diese beigesterte uns zunächst mit einem traumhaft angerichteten Amuse gueule: einer Weissweinsuppe im Hühnerei auf Stroh. Auch der Rest war geschmacklich und auch in der Präsentation ausgezeichnet, klassisch moderne französische Küche.

Die Nummer zwei unserer Topadressen ist das „La Dame d’Aquitaine“, in einem historischen Gewölbe angesiedelt und ebenfalls sehr stylisch. Die Präsentation und auch die Küche erschien uns hier noch ein wenig ambitionierter, auch wenn wir in dem einen oder anderen (Internet)Forum das „Au Maison“ stärker bewertet gesehen hatten. Hier wurde auch schön zwischen deftigen (burgundischen) Produkten und den feinen Präsentationsformen der französischen Küche variiert. So z.B. Schweinebauch mit weissen Bohnen oder in der Vorspeisse ein millefeuille vom Ochsen mit einem Salat, hier auch mit cremigen Dijon Senf verfeinert. Dieses Gericht hat mich zu meinem Tatar mit Dijon Senf und Spargelsalat inspiriert. Dass die Auswahl und Beratung zu den Weinen in beiden Lokalen ebenfalls sehr gut war, versteht sich von selbst. Mein schon an anderer Stelle erwähnter besonderer Pluspunkt für den Service ist stets, wenn günstige (regionale) Etiketten empfohlen werden, anstatt die grossen Bekannten. Das Stichwort Preis ist abschliessend noch eine besondere Erwähnung wert. Sie zahlen grundsätzlich rund ein Drittel der Preise, die man für vergleichbare Küche in Paris hinlegen müsste.

Bevor ich es vergesse: Die Markthallen bieten natürlich alle Produkte aus dem Bauch Frankreichs, es ist eine einzige Verführung. Und wie immer ist der besondere Tipp, eines der vielen traditionellen Lokale oder kleine Newcomer rund um „Les Halles“ zu besuchen. Frische ist garantiert. Wir werden Dijon also sicher noch einmal besuchen, diesmal vielleicht mit dem Auto, um noch mehr der Köstlichkeiten mit nach Hause nehmen zu können. Darauf einen Kir Royal!

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